ERKUNDUNG DER SCHWEIZER PSYCHE: Carl Gustav Jung, Zürich und die inneren Landschaften der Seele
Manche Bücher kommen zu früh – und bleiben ein Leben lang.
Als ich noch am Gymnasium war, las ich einen Roman von Morris West: The World Is Made of Glass, inspiriert von den Träumen und Erinnerungen C. G. Jungs. Wahrscheinlich war ich dafür noch zu jung, doch das Buch zog mich unmittelbar in die Welt der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie hinein – Freud und Jung nicht als trockene Theorie, sondern als spannendes inneres Drama. Es hinterließ einen leisen, aber bleibenden Eindruck.
Nie hätte ich gedacht, dass mich mein Lebensweg einmal nach Zürich führen würde – in jene Stadt, in der C. G. Jung lebte und die moderne Psychologie entscheidend prägte. Bis heute zählt Zürich zu den Städten mit der höchsten Dichte an Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen weltweit – neben New York und Buenos Aires. Und hier wirkt das fast selbstverständlich. Sorge für die Seele als Teil der alltäglichen Gesundheitsfürsorge. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.
In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von C. G. Jung zum 150. Mal – und sein Einfluss ist überall spürbar. Weit über die Psychologie hinaus haben seine Ideen religiöse Autor:innen, Künstler:innen, Theolog:innen, Filmschaffende und spirituelle Denker:innen unserer Zeit geprägt. Begriffe wie kollektives Unbewusstes, Archetypen, Individuation, Schatten, Anima und Animus oder die heilende Kraft von Symbolen sind in die Alltagssprache eingegangen. Jung öffnete Türen zwischen Psychologie und Spiritualität, zwischen Glaube, Mythos, Kunst und innerer Erfahrung.
Gleichzeitig idealisiert die Ausstellung ihn nicht. C. G. Jung war eine komplexe und bisweilen auch problematische Persönlichkeit: Sohn eines reformierten Pfarrers, tief religiös geprägt und doch innerlich unruhig; fasziniert von Mythen, Alchemie, Astrologie, Mandalas und dem Okkulten; er malte eigene Mandalas als Karten innerer Ordnung. Seine Biografie umfasst ambivalente politische Positionen in den 1930er-Jahren, problematische Nähe zu antisemitischen Kreisen, intensive und ethisch herausfordernde Beziehungen zu Patientinnen sowie eine lebenslange Spannung zwischen wissenschaftlicher Strenge und mystischer Erkundung. Jung wagte sich in gefährliches inneres Terrain – und kam nicht immer unversehrt daraus zurück.
All dies machte es besonders bedeutsam, unsere Seniorinnen und Senioren an diesem Nachmittag durch die Sonderausstellung „Seelenlandschaften – C. G. Jung und die Entdeckung der Psyche in der Schweiz“ im Landesmuseum Zürich zu begleiten. Danke an Maria John für die Organisation.
Was wir erlebten, war weit mehr als ein Museumsbesuch. Es fühlte sich an wie ein Gang durch die Seelengeschichte der Schweiz. Wir begegneten Jungs mutigem Abstieg ins Unbewusste, standen vor der stillen Intensität des Roten Buches und verfolgten, wie die Schweiz zu einem Labor für die Erforschung des inneren Lebens wurde – von frühen psychiatrischen Anstalten bis zu heutigen offenen Therapieräumen.
Die Ausstellung verwebt Psychologie, Kunst und Landschaft auf eindrückliche Weise. Von den verstörenden Traum- und Nachtbildern Johann Heinrich Füsslis bis zu den visionären Werken von Emma Kunz und Meret Oppenheim werden innere Welten sichtbar. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein Land, geprägt von Tälern, Schluchten und alpinen Abgründen, eine solche Faszination für die Tiefenpsychologie entwickelt hat. Die Schweizerinnen und Schweizer wandern gern in schroffes Gelände – und offenbar auch in die Tiefen der Psyche.
Oliver Quilab,