«SYNODAL? DAS MACHEN WIR IN DER SCHWEIZ DOCH SCHON LANGE!»

Synodal2 (Foto: Oliver Quilab)

Synodalität gehört inzwischen zum festen Wortschatz der katholischen Kirche. Papst Franziskus machte sie zu einem Leitwort seines Pontifikats: Kirche soll gemeinsam unterwegs sein, zuhören, unterscheiden und Verantwortung tragen. Papst Leo XIV. führt diesen Weg weiter. Synodalität soll also offenbar kein vorübergehendes Reformprojekt bleiben, sondern immer mehr zu einem Stil kirchlichen Lebens werden.

Schon das Wort selbst ist aufschlussreich. Synode kommt aus dem Griechischen und wird traditionell mit syn – «zusammen» – und hodos – «Weg» – erklärt: also gemeinsam auf dem Weg sein. Diese Wortherkunft bringt ziemlich genau auf den Punkt, worum es bei Synodalität geht. Nicht zunächst um ein bestimmtes Gremium oder eine Abstimmung, sondern um eine Kirche, die ihren Weg gemeinsam sucht und geht.

In der Schweiz kann das ein gewisses Schmunzeln hervorrufen: «Synodal? Das machen wir doch schon lange.» Wir haben Kirchensynoden und Synodalräte, demokratisch gewählte Kirchenpflegen und Kirchgemeindeversammlungen. Laien tragen Verantwortung für Personal, Liegenschaften und erhebliche Budgets. Im Kanton Zürich gibt es sogar ein katholisches Kirchenparlament.

Was soll daran neu sein?

Die kurze Antwort lautet: Die Schweizer haben recht – und zugleich nicht ganz. Denn die katholische Kirche in der Schweiz kennt tatsächlich seit Jahrzehnten Formen institutionalisierter Mitverantwortung, die in vielen anderen katholischen Ländern kaum vorstellbar sind. Aber das, was Franziskus angestossen hat und Leo XIV. weiterführt, ist nicht einfach dasselbe wie das Schweizer duale System.

Gerade diese Unterscheidung ist mir aus einem ganz praktischen Grund wichtig geworden. In unserer Pfarrei begegne ich immer wieder Menschen, die erst seit einigen Jahren oder Monaten in der Schweiz leben. Sie kommen aus Italien, Spanien, Portugal, den Philippinen, Kroatien, Indien, Lateinamerika, Afrika und anderen Teilen der Welt. Viele von ihnen sind mit der katholischen Kirche durchaus vertraut. Sie kennen die Messe und die Sakramente. Sie wissen, was ein Pfarrer und ein Bischof sind. Sie lassen ihre Kinder taufen, melden sie zur Erstkommunion oder Firmung an, möchten kirchlich heiraten oder bitten um eine kirchliche Beerdigung.

Und dann begegnen ihnen in der Schweiz Begriffe wie Kirchgemeinde, Kirchenpflege, Kirchensynode, Synodalrat und öffentlich-rechtliche Körperschaft. Da wird es kompliziert. Warum gibt es neben der Pfarrei noch eine Kirchgemeinde? Warum entscheidet der Pfarrer nicht allein über die Finanzen? Was macht die Kirchenpflege? Was ist der Unterschied zwischen Bistum und kantonaler Körperschaft? Und warum besitzt die katholische Kirche überhaupt ein Parlament?

Dass neu zugezogene Katholikinnen und Katholiken dieses System zunächst kaum verstehen, überrascht nicht. Es ist tatsächlich ungewöhnlich. Und vermutlich könnten auch manche Schweizer Katholikinnen und Katholiken nicht auf Anhieb erklären, worin genau der Unterschied zwischen Pfarrei und Kirchgemeinde oder zwischen Kirchensynode und Synodalität besteht.

Hier beginnt die Schweizer Besonderheit. Im Kanton Zürich – und in unterschiedlicher Ausgestaltung auch in anderen Kantonen – bestehen zwei Ordnungsstrukturen nebeneinander. Auf der einen Seite steht die kirchenrechtliche und pastorale Struktur der katholischen Kirche: Bistum, Bischof, Pfarrei, Pfarrer und pastorale Mitarbeitende. Hier geht es insbesondere um Verkündigung, Gottesdienst, Sakramente, Seelsorge und die pastorale Sendung der Kirche. Daneben steht die staatskirchenrechtliche Struktur: Kirchgemeinde, Kirchenpflege, die kantonale römisch-katholische Körperschaft, Kirchensynode und Synodalrat. Hier liegen wichtige Zuständigkeiten für Finanzen, Kirchensteuern, Liegenschaften, Verwaltung und Personal.

Es handelt sich dabei nicht um zwei Kirchen. Beide Strukturen beziehen sich weitgehend auf dieselbe katholische Bevölkerung, folgen aber unterschiedlichen Rechtsgrundlagen und haben unterschiedliche Organe und Zuständigkeiten. Dieses Mit- und Nebeneinander wird gewöhnlich als duales System bezeichnet. Ein Pfarrer kann also kirchenrechtlich für die Leitung einer Pfarrei verantwortlich sein, ohne deshalb allein über deren Finanzen, Personal oder Liegenschaften verfügen zu können. Umgekehrt besitzt eine Kirchenpflege erhebliche administrative und finanzielle Kompetenzen, ohne dadurch die kirchenrechtliche Leitung der Pfarrei zu übernehmen. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen.

Die historischen Wurzeln dieses Systems reichen unter anderem in die Reformationszeit zurück. Besonders in reformierten Gebieten entwickelten sich Formen kirchlicher Organisation, die eng mit Kanton, Gemeinde und öffentlichem Recht verbunden waren. Hinzu kamen die schweizerische Tradition der Gemeindeautonomie und später liberale und demokratische Entwicklungen. Es wäre deshalb zu einfach zu behaupten, die Katholiken hätten ihr System schlicht «von den Protestanten übernommen». Aber ebenso falsch wäre es, Kirchgemeinde, Kirchenpflege oder kantonale Körperschaft als selbstverständliche Bestandteile der weltweiten katholischen Kirchenverfassung zu betrachten. Die konkrete Ausgestaltung unterscheidet sich zudem von Kanton zu Kanton.

Im Kanton Zürich wurde die römisch-katholische Körperschaft 1963 öffentlich-rechtlich anerkannt. Heute ist die Kirchensynode das Parlament dieser Körperschaft, der Synodalrat ihre Exekutive. Auf lokaler Ebene gibt es die Kirchgemeinde und ihre gewählte Kirchenpflege. So entstand eine Konstruktion, die Katholikinnen und Katholiken aus anderen Ländern durchaus erstaunen kann: Eine hierarchisch und sakramental verfasste katholische Kirche arbeitet mit demokratisch organisierten öffentlich-rechtlichen Körperschaften zusammen.

Gerade darin liegt eine grosse Stärke des Schweizer Systems. Laienverantwortung ist hier nicht nur ein schönes Wort. Laien organisieren nicht bloss den Pfarreikaffee oder lesen am Sonntag die Lesung. Sie tragen institutionelle Verantwortung für Personal, Gebäude, soziale Projekte und beträchtliche finanzielle Mittel. Ein Pfarrer kann normalerweise nicht eines Morgens aufstehen und verkünden, er habe beschlossen, für 400'000 Franken das Pfarreizentrum umzubauen. Es gibt Budgets, Verfahren, demokratisch gewählte Behörden und Rechenschaftspflichten.

Als Priester halte ich vieles davon für gesund. Klerikalismus verschwindet nicht allein dadurch, dass wir gegen ihn predigen. Er wird auch durch Strukturen begrenzt, die verhindern, dass ein einzelner Amtsträger alles kontrolliert. Wenn Schweizer Katholikinnen und Katholiken deshalb sagen: «Partizipation? Mitverantwortung der Laien? Das kennen wir schon lange», dann haben sie durchaus einen Punkt.

Vielleicht hat die Schweiz tatsächlich einen Vorsprung in Sachen Partizipation. Aber hat sie deshalb auch einen Vorsprung in Sachen Synodalität?

Genau hier liegt der entscheidende Unterschied. Papst Franziskus wollte nicht einfach, dass jede Diözese ein Parlament nach Schweizer Vorbild erhält. Er warnte selbst davor, eine Synode mit einem Parlament oder einer Meinungsumfrage zu verwechseln. Auch Leo XIV. versteht Synodalität nicht einfach als organisatorisches Reformprogramm. Es geht um eine Weise, Kirche zu sein: gemeinsam unterwegs sein, zuhören, unterscheiden und Verantwortung für die gemeinsame Sendung übernehmen.

Und hier bekommt die alte Bedeutung des Wortes noch einmal Gewicht: Synodalität meint syn-hodos – gemeinsam auf dem Weg. Eine Kirchensynode ist ein Gremium. Synodalität dagegen bezeichnet eine Haltung und eine Weise kirchlichen Lebens. Die beiden können sich gegenseitig unterstützen, sind aber nicht dasselbe.

Die erste Frage einer Kirchensynode kann deshalb lauten: Wofür setzen wir unsere finanziellen Mittel ein? Die tiefere Frage einer synodalen Kirche lautet: Wofür sind wir überhaupt Kirche?

Allerdings wäre es ebenso falsch, Verwaltung und geistliche Unterscheidung gegeneinander auszuspielen. Auch eine Budgetdebatte kann unmittelbar mit der Sendung der Kirche zu tun haben. Ob wir Geld für Jugendarbeit, Migrantenseelsorge, soziale Projekte, Kirchenmusik oder Gebäude einsetzen, sagt etwas darüber aus, was uns wichtig ist. Auch ein Budget erzählt, was einer Kirche wichtig ist. Entscheidend ist deshalb nicht, ob über Geld oder über den Heiligen Geist gesprochen wird. Entscheidend ist, ob unsere Entscheidungen von der gemeinsamen Sendung der Kirche her gedacht werden.

Man kann also sehr demokratisch und trotzdem wenig synodal sein. Eine Sitzung kann transparent, professionell und rechtlich einwandfrei verlaufen. Budgets werden beraten, Anträge gestellt, Reglemente geändert und Abstimmungen durchgeführt. Aber wenn jeder lediglich seine Position verteidigt und niemand bereit ist, sich durch die Argumente und Erfahrungen der anderen verändern zu lassen, bleibt Partizipation schnell bei einem Nebeneinander von Interessen stehen.

Umgekehrt können zwölf Menschen in einem Pfarreizentrum zusammensitzen. Einige junge Erwachsene erzählen, weshalb sie nicht mehr zur Kirche gehen. Eine Migrantenfamilie berichtet, warum ihre Kinder kaum Zugang zur Pfarrei finden. Eine ältere Schweizer Katholikin erzählt, was sie zu verlieren fürchtet, wenn sich ihre Pfarrei verändert. Eine Katechetin berichtet, was sie bei Kindern und Eltern beobachtet. Zunächst verteidigt niemand seine Position. Man hört einander zu. Vielleicht wird überhaupt nicht abgestimmt. Und trotzdem kann dort etwas zutiefst Synodales geschehen.

Doch auch die Sprache der Synodalität schützt nicht automatisch vor Machtmissbrauch. Auch geistliche Sprache kann Macht verschleiern. Wer entscheidet eigentlich, was der Heilige Geist gesagt hat? Ein Bischof kann alle anhören und anschliessend erklären, er habe «unterschieden». Ein Pfarrer kann eine Pfarreiversammlung durchführen und danach genau das tun, was er ohnehin vorhatte. Ein Gremium kann sich als «synodal» verstehen und dennoch bestimmte Stimmen übergehen.

Darum braucht auch Synodalität Transparenz. Wer hört zu? Wer entscheidet? Nach welchen Kriterien? Wie werden abweichende Stimmen berücksichtigt? Und wer übernimmt am Ende Verantwortung? Synodalität bedeutet nicht die Abschaffung von Autorität. Sie versucht vielmehr, Autorität hörender, gemeinschaftlicher und verantwortlicher auszuüben.

Genau hier kann die Idee der Synodalität auch das Schweizer duale System bereichern. Denn in der Praxis entstehen Spannungen oft dort, wo pastorale Verantwortung und finanzielle Zuständigkeit aufeinandertreffen. Was pastoral wünschbar erscheint, muss auch finanziert werden; wer finanzielle Verantwortung trägt, möchte verständlicherweise wissen, welche Prioritäten gesetzt werden. Unterschiedliche Zuständigkeiten können so leicht zu unterschiedlichen Perspektiven führen.

Natürlich müssen Kompetenzen geklärt sein. Kirchenrecht, staatliches Recht und finanzielle Rechenschaft sind wichtig. Aber eine Kirche, die ihre ganze Energie darauf verwendet zu klären, wer was entscheiden darf, kann irgendwann vergessen zu fragen, was überhaupt entschieden werden muss und wozu wir gemeinsam Kirche sind. Synodalität könnte das duale System deshalb vertiefen – nicht indem sie Zuständigkeiten verwischt, sondern indem sie alle Beteiligten einlädt, vor der Kompetenzfrage zunächst die Sendungsfrage zu stellen.

Damit komme ich zurück zu meinem Ausgangspunkt: den neu zugezogenen Katholikinnen und Katholiken. Ein Mensch kann in der Schweiz jeden Sonntag zur Messe gehen und trotzdem jahrelang kaum wissen, was eine Kirchenpflege oder eine Kirchensynode ist. Er kann sakramental sehr präsent und institutionell nahezu unsichtbar sein. Das sollte uns zu denken geben. Denn wer die Strukturen nicht kennt, wird sich darin kaum beteiligen. Eine Kirche, die von Partizipation spricht, muss deshalb auch erklären, wo und wie Partizipation überhaupt möglich ist.

Aber die Lernbewegung darf nicht nur in eine Richtung gehen. Nicht nur die Zugewanderten müssen lernen, wie die katholische Kirche in der Schweiz funktioniert. Auch die Schweizer Kirche kann von ihnen lernen. Viele bringen Formen gelebter Religiosität mit, die hier weniger selbstverständlich geworden sind: eine starke Beziehung zu den Sakramenten, Familienfrömmigkeit, Prozessionen und religiöse Feste oder eine sichtbare katholische Identität. Zugleich bringen sie – wie jede religiöse Kultur – ihre eigenen Traditionen, Spannungen und Herausforderungen mit. Es geht weder darum, die schweizerische Kirchenrealität abzuwerten noch die Religiosität anderer Kulturen zu idealisieren.

Die synodale Frage lautet deshalb nicht nur: Wie können wir diese Menschen besser in unsere Schweizer Strukturen integrieren? Sie lautet auch: Wie verändert sich unsere Kirche, wenn wir ihre Zugehörigkeit wirklich ernst nehmen?

Vielleicht beginnt genau dort Synodalität.

Am Ende treffen in der Schweizer Kirche verschiedene Logiken aufeinander. Die Demokratie fragt, wie wir zu einem legitimierten gemeinsamen Entscheid kommen. Die Verwaltung fragt, was rechtlich und finanziell möglich ist. Die kirchliche Leitung fragt, wer in einer bestimmten Frage Verantwortung trägt und am Ende entscheiden muss. Die Synodalität fragt, was unsere gemeinsame Sendung ist und wie wir sie erkennen.

Eine gesunde katholische Kirche braucht alle vier. Demokratie ohne Ekklesiologie kann die Kirche auf eine öffentlich-rechtliche Institution reduzieren. Kirchliche Leitung ohne Zuhören kann in Klerikalismus umschlagen. Verwaltung ohne Sendungsbewusstsein kann hervorragend unterhaltene Strukturen hervorbringen, die irgendwann niemand mehr braucht. Und Synodalität ohne Entscheidungsverantwortung kann zu endlosen Gesprächen führen, bei denen alle mitreden und am Ende niemand entscheidet.

Vielleicht lässt sich der Unterschied deshalb auf einen einfachen Satz bringen:

Das duale System ordnet Verantwortung. Synodalität prägt die Weise, wie wir diese Verantwortung gemeinsam wahrnehmen.

Kehren wir also zum schweizerischen Einwand zurück: «Synodalität? Das machen wir doch schon lange.»

Ja – wenn damit Mitverantwortung, demokratische Beteiligung, Transparenz und Rechenschaft gemeint sind. Darin hat die katholische Kirche in der Schweiz tatsächlich Erfahrungen, von denen andere Ortskirchen lernen können.

Nein – wenn wir daraus schliessen, demokratische Strukturen machten eine Kirche automatisch synodal.

Eine Kirchensynode wird nicht allein dadurch synodal, dass sie abstimmt. Eine Kirchenpflege nicht dadurch, dass sie gewählt wird. Ein Bischof nicht dadurch, dass er konsultiert. Und ein Pfarrer nicht dadurch, dass er alle anhört und anschliessend tut, was er ohnehin vorhatte.

Synodalität beginnt dort, wo das Zuhören uns tatsächlich verändern kann.

Papst Franziskus hat diese Frage mit grosser Energie auf die Tagesordnung der Weltkirche gesetzt. Papst Leo XIV. führt diesen Weg weiter. Vielleicht hat die Schweiz tatsächlich einen Vorsprung in Sachen Partizipation. Ob wir auch einen Vorsprung in Sachen Synodalität haben, ist eine andere Frage.

Die Kirchensynode kann mitentscheiden, wofür wir unsere Mittel einsetzen. Die synodale Kirche muss gemeinsam fragen, wofür wir überhaupt Kirche sind.

Vielleicht brauchen wir deshalb in der Schweiz nicht mehr Synoden. Wir müssen lernen, mit den Strukturen, die wir längst haben, synodaler Kirche zu sein.
Oliver Quilab,
Bereitgestellt: 12.08.2026     Besuche: 37 Monat
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